Eigentlich wollte ich jetzt den Rest meines Sabbaticals bis August 2026 nur noch relativ kurze Wochen-Tripps machen. Zum Beispiel eine Kanutour auf dem Oberlauf der Moldau von Vyšší Brod am Lipno Stausee bis kurz vor České Budějovice/Budweis mit Freunden, an der ich sonst nicht teilnehmen kann, weil ich im Juni normalerweise keinen Urlaub bekomme. 2 Wochen später wollte ich in der Nähe in Tábor beim Mighty Sounds Festival sein. Da meine inzwischen 17- und 18- jährigen Kids in der Zeit gut versorgt sind, stellt sich die Frage, wozu ich dazwischen eigentlich zurück nach Berlin fahren sollte. Also kam die Idee auf, direkt im Anschluss an die Kanutour noch eine "kleine" Fahrradtour zu machen. Der Alpen-Adria-Radweg von Salzburg nach Süden steht sowieso auf meiner To-do-Liste. Und von dort könnte ich im großen Bogen vielleicht noch ein paar Länderpunkte in Slowenien, Kroatien, Ungarn und der Slowakei sammeln. Mal schauen, wie weit ich komme. In fast allen genannten Ländern ist Zug fahren (auch inkl. Fahrrad) unkompliziert und preiswert und daher eine Option für mich, um voran zu kommen.
Eine "wunderschöne" Playlist passend zur Reise habe ich unterwegs erstellt, die man nebenbei hören kann, wenn man sich hier durch liest: https://open.spotify.com/playlist/2BB8ivZ13d9gNfFIHryTnX
4.6.2026 Berlin - Železná rudá 🇨🇿 🚂
Fast 6 Wochen war ich jetzt am Stück in Berlin. Das kam mir wirklich lange vor. 4:30 ging es dann endlich wieder los auf "Rad"-reise, erstmal mit etlichen Regionalzügen nach Bayerisch Eisenstein, direkt an der tschechischen Grenze.
Alle Züge habe ich, wie geplant bekommen. Davon, dass heute in Bayern und Sachsen Feiertag (Fronleichnam) war, habe ich nix mitbekommen. Jedenfalls waren die Züge dadurch nicht mit mehr Fahrrädern überfüllt. Nach 11 Stunden mit 7 x umsteigen bin ich mit 5 Minuten Verspätung am Ende der Welt in Lam/Bayern angekommen. Da auf der eigentlichen Strecke nach Bayerisch Eisenstein 17 km Schienenersatzverkehr war, dachte ich, ich könnte von Lam irgendwie Zeit sparen. Allerdings ging es erst mal 7 km lang 7% bergauf 🥵 und die Zeitersparnis war dann weg. Ich glaube, ich plane die nächsten Etappen gleich mal um, mit weniger Höhenmetern.
19:30 war ich dann auf dem anvisierten Campingplatz, aber sowohl Rezeption, als auch Buffet hatten schon zu 😒. Eine Duschmarke hab ich freundlicherweise von Bikern bekommen und 1 km entfernt gab es noch einen Lebensmittelladen, zu dem ich kurzerhand dann nochmal los gefahren bin.
5.6.2026 Železná ruda - Protivín 🚲 100 km
Beim Suchen nach einer flacheren Strecke habe ich entdeckt, dass ich theoretisch über 3 Flußradwege entlang der Otava, Blanice und Moldau nach Český Krumlov komme.
10:00 ging es los und meist entlang des Flusses auf guten Radwegen und kleinen Straßen, teilweise aber auch auf schmalen matschigen Waldwegen aber jedenfalls mit wenig Steigungen. Ziemlich genau 100 km sind es heute geworden und 70 bleiben noch für morgen übrig.
6.6.2026 Protivín - Český Krumlov 🚲 68,5 km
7:00 war ich schon wach und saß 8:00 auf dem Rad.
Aber erstmal ging es zum nahegelegenen Lebensmittelmarkt, Frühstück kaufen, um genug Energie für den ersten von drei steilen Anstiegen zu haben. Nach 25 km erreichte ich die Moldau, an der es dann die restlichen Zeit entlang ging und Punkt 14:00 war ich pünktlich in Český Krumlov, wo ich mit den anderen 5 Kanuten aus Berlin verabredet war.
7.6.2026 Český Krumlov - Vyšší Brod 🚲 31 km - Rožmberk 🛶 11 km
Aus irgendwelchen Gründen war unser Quartier nicht am Startplatz der Kanutour oder noch besser, am Endplatz der heutigen Etappe. Dann hätte man ohne Gepäck fahren können und sich ein mal "umziehen" gespart.
So ging es nach dem Frühstück noch einmal für 31 km auf's Rad. Mein Gepäck habe ich aber dekadent vom Auto transportieren lassen.
Um die Autofahrer nicht zu nerven geht der offizielle Moldauradweg / Eurovelo 7 durch's hügelige Hinterland. Ich habe mich aber doch entschieden, lieber auf der Straße direkt am Ufer zu fahren. Erstens ist es viel schöner und außerdem spart das Höhenmeter ohne Ende. Zudem konnte ich so schon mal auskundschaften, wie es die nächsten Tage auf dem Wasser aussehen wird.
In Vyšší Brod wird mein Fahrrad jetzt 6 Nächte schlafen und ich steige auf Kanu bzw. Schlauchboot um.
Punkt 12:00 ging es auf's Wasser. 13:00 war bereits die erste Bierpause beim zweiten Imbiss. Bei 11 km und 2 Stunden Bewegungszeit wurden insgesamt 3 Verpflegungspausen eingelegt und 17:00 erreichten wir den Campingplatz in Rožmberk. Lustige Stromschnellen und drei durchbrochene Wehre gab es auch unterwegs.
Die Kanu-Infrastruktur ist in Tschechien einfach unglaublich. An jedem der zahlreichen Flüsse (Moldau, Sazava, Berounka, Ohře/Eger, Otava, Lužnice, ...) existieren unzählige Verleiher (z.b. Ada, Inge, Bisport), die Kanus und Schlauchboote zu etlichen Punkten am Fluss liefern und stromabwärts wieder abholen. Alle paar Kilometer gibt es Imbisse und Zeltplätze an den Flüssen. Kanu fahren ist hier Volkssport.
8.6.2026 Rožmberk- U Pískárně 🛶 14 km
Bestes Wetter, durchgehend 3 km/h Strömung, 3 Bierpausen, davon eine an einem Bierboot, 2 Badepausen. Im Vergleich zum Wochenende war heute sehr wenig los. Mehr gibt's nicht zu berichten.
Ok, der Wasserstand ist jetzt schon ziemlich niedrig. In wenigen Wochen sind bestimmt einige Strecken auf den angepriesenen Flüssen wegen zu wenig Wasser nicht mehr fahrbar.
9.6.2026 Na Pískárně - Český Krumlov 🛶 13 km
Wir hatten wieder gut Strömung und fabelhafte Natur, aber komischerweise sind heute viel mehr Kanuten unterwegs. Dadurch gab es an einigen der 6 Wehre richtige Staus. In Krumlov wurde eine Brücke gebaut, dadurch war dort der Fluss gesperrt und wir mussten dort einige 100 Meter umtragen 🙄🥴🥵.
Ansonsten konnte man aber alle Wehre durch die Floßgasse runter rutschen, was irgendwie der lustigste Teil der Touren ist. Oft kann man am Fuße der Wehre die eine oder andere Kenterung beobachten (oder auch selbst mal kentern).
Krumlov selbst ist auch sehr sehenswert, aber Sightseeing haben wir ja schon letzten Samstag erledigt.
10.6.2026 Český Krumlov - Zlata Koruna 12 km 🛶
Zur Abwechslung gab es heute immer mal wieder Regen. Dadurch hatten wir wenig Ambitionen, uns treiben zu lassen und waren zeitig am Ziel.
1 lustiges Wehr mit langer Floßgasse gab es kurz vor dem Ziel.
Aufgrund des Wetters und der Kälte war ich ziemlich froh, dass diesmal ein Bett für mich in der festen Unterkunft zur Verfügung stand. Auf den vorherigen Plätzen hatten die anderen 4 Kanuten immer 4-er Hütten gebucht und ich davor gezeltet.
11.6.2026 Zlatá Koruna - U Kelta 7 km 🛶 - Milevsko 🚗
Die letzten Kilometer auf der Moldau waren viel zu schnell vorbei. Auf dem Rückweg Richtung Berlin hat der Rest der Reisegruppe noch Quartiere in Milevsko und Srbsko an der Berounka geplant. Das liegt zwar eigentlich nicht auf meiner Strecke, aber ich begleite sie mal noch 1 1/2 Tage, bevor ich dann alleine mit Fahrrad weiter Richtung Süden fahre. Milevsko kenne ich noch gar nicht und morgen nochmal am Fluss Berounka zu verbringen klingt ganz attraktiv.
12.6.2026 Srbsko an der Berounka
Nach dem Frühstück fuhren wir mit Autos von Milevsko nach Srbsko. Aufgrund von Regen mussten wir erstmal 2 Kneipen erkunden, bevor wir dann doch noch zu einer kleinen Wanderung am Fluss Richtung Kletterfelsen aufbrachen. Auf dem Campingplatz nahe unserer dekadenten Unterkunft konnten wir den Abend bei Bier und akkustischer Gitarrenmusik ausklingen lassen.
13.6.2026 Srbsko - Vyšší Brod 🇨🇿 🚂 - Linz 🇦🇹 🚲 44,5 km
Ursprünglich wollte ich von Vyšší Brod mit Fahrrad nach Passau und von dort mit Deutschlandticket nach Salzburg fahren. Da allerdings Richtung Passau Gegenwinde zwischen 20 km/h und 50 km/h angekündigt waren, plante ich lieber Richtung Linz um.
Zuerst musste ich jedoch mit Zügen von Srbsko bei Prag innerhalb von 4 Stunden wieder zurück zu meinem Fahrrad nach Vyšší Brod nahe der österreichischen Grenze gelangen, während für die anderen Berliner Kanuten der Urlaub vorbei war. In Tschechien kosten die Bahnfahrten immer gleich wenig. Daher kann ich mal eben von Prag bis fast nach Österreich für 15,- € mit Schnellzug spontan fahren, statt das Wochen vorher buchen zu müssen.
Zudem fährt die Bahn hier noch fast jedes Kuhdorf an. Dauert zwar, aber man kommt ohne Auto fast überall hin. Und Tickets im Zug kaufen ist auch ohne Aufpreis möglich.
15:00 sitze ich wieder im Sattel und nach 8 km habe ich Österreich erreicht. 4 x bin ich während meines Sabbaticals schon Transit nachts mit Bus und Bahn hindurch gefahren. Jetzt wird es zum ersten Mal ordentlich bereist und ist damit Land Nr. 26 innerhalb von 12 Monaten.
Mein Zelt habe ich heute beim Ruder- und Kanuverein in Linz direkt an der Donau aufgeschlagen. Vor ziemlich genau 5 Jahren war ich hier schon einmal mit Rad, als ich den Donauradweg von der Quelle bis zur Mündung in Rumänien gefahren bin.
14.6.2026 Linz - Salzburg 🚂 - Bad Hofgastein 🚲 94 km, 940 HM
Na bloß gut, dass ich Teller, Töpfe, Gas, Nudeln, Soße und sogar Windschutz mit mir rumschleppe. Sogar an Feuerzeuge habe ich diesmal gedacht. Aber der eigentliche Kocheraufsatz liegt schön in Berlin. 🙄 Da wir in Tschechien nie selbst gekocht haben und Kaffee immer zur Verfügung stand, habe ich das erst heute früh bemerkt. Zwar gibt es in Linz sogar einen Decathlon, wo ich preiswert einen Kocher bekommen würde. Aber natürlich nicht heute, am Sonntag. Der nächste Decathlon, der halbwegs auf der Strecke liegt ist in 4 oder 5 Tagen. Naja, auf manchen Zeltplätzen gibt es ja Küchen für Gäste. Ich lass mich überraschen.
Bevor es in Salzburg auf den Alpe-Adria-Radweg geht, "schummel" ich bis dorthin nochmal mit der Bahn.
Die S-Bahn Linz - Salzburg sollte stattliche 32,40 € kosten, aber Mittwoch Abend hatte ich noch ein Sparticket im 10:14 IC für 9,90 € ergattert.
Echt krass. Dit is alles so wunderschön. Und dann fährste um die nächste Ecke und dort sieht es noch krasser aus. Und hinter der nächsten noch schöner.
Und der Radweg ist wirklich so entspannt, wie ich schon öfter gehört hatte. Immer an der Salzach und später an der Gasteiner Ache entlang mit sehr wenigen und moderaten Steigungen in die Berge. Ich bin jetzt 11 Kilometer vor der Tauernschleuse und hatte auf den 93 Kilometern seit Salzburg nicht mal 1000 Höhenmeter und die steilste Steigung hatte 7 %. Im Vergleich dazu hatte ich letzte Woche im Bayrischen Wald 500 Höhenmeter auf den ersten 10 Kilometern mit fast durchgängig 7 %.
Naja, jedenfalls war ich dann heute nach 59 Kilomtern schon vor 16:00 am anvisierten Campingplatz aber noch voll im flow und wäre gerne noch 20 Kilometer gefahren. Der nächste Campingplatz kam allerdings erst nach 35 km, also zog ich durch. Die Preise hier oben in den Bergen bewegen sich übrigens zwischen 25,- € und 42,- € für eine Person mit Zelt und Fahrrad 🤑🤯.
15.6.2026 Bad Hofgastein - Villach 🚲 97 km (+ 11 km Autoschleuse Tauernbahn)
Für die letzten 11 Kilometer, die ich heute früh noch bergauf fahren musste, nehme ich alles zurück, was ich gestern geschrieben habe. Dass ich für die 6 Kilometer zum Supermarkt 80 Minuten gebraucht habe, sagt wohl alles. Vielleicht wäre es eine gute Idee, bereits in Bad Hofgastein einen IC zu nehmen.
Auf 1170 m üNN hatte ich dann den höchsten Punkt der Tour erreicht und verstaute mein Fahrrad für 11 Kilometer im Autozug, welcher direkt unter der 2832 Meter hohen Gamskarlspitze fährt. Nur durch diesen Tunnel ist es möglich, dass die Tour überhaupt so entspannt ist. Tickets kosten übrigens 10,30 € pro Fahrrad und werden nicht kontrolliert.
Auf der Südseite des Hohen Tauern angekommen, war es gleich 10 °C wärmer. Allerdings hatte sich auch die Windrichtung geändert und den Rest des Tages kam der Wind straff von vorn. Auch als Straßenbelag war heute meistens fester Schotter angesagt.
Gleich zu Beginn ging es 550 Höhenmeter mit bis zu 17% Gefälle bergab. Also in die andre Richtung möchte ich den Weg nicht fahren.
Nach 31 Kilometern erreichte ich den Drauradweg, der bis hier in Villach identisch mit dem Alpe-Adria-Radweg ist. Zur Adria geht es zwar noch durch die Julischen Alpen, aber für mich ist das Projekt Alpenüberquerung mit dem heutigen Tag zufriedenstellend abgeschlossen und ich folge von hier aus weiter der Drau/Drava Richtung Slowenien.
Ach so: und die Ausblicke waren natürlich wieder herrlich und hinter jeder Ecke noch besser, als zuvor.
Und der Camping Gerli in Villach ist endlich mal wieder ohne viel Schickimicki und kostet dafür bezahlbare 14,- € für mich.
16.6.2026 Villach - Dullach am Völkermarkter Stausee 🚲 86 km
Morgens fuhr ich entspannt einige Kilometer entlang des Flusses Drau/Drava. Da mein Zwischenziel, der Decathlon in Klagenfurt etwas abseits der Route lag, wurde ich über den Wörthersee-Radweg umgeleitet. Es gibt sicherlich schlechtere Alternativen.
Aber gerade in Verden war schon ordentlich Schickimicki und Protzerei angesagt 🚘💎💍⌚️.
Nachdem ich mir einen neuen Kocher gekauft hatte, stellte ich zum Glück noch rechtzeitig fest, dass bis zur slowenischen Grenze 70 Kilometer später kein Supermarkt mehr kommt. Also musste ich schnell noch Vorräte kaufen und mitschleppen.
Jetzt, wo ich einen neuen Kocher habe, hat der heutige Campingplatz natürlich eine voll ausgestattete Küche, preiswerten Kaffee und Pizza.
17.6.2026 Dullach 🇦🇹 - Maribor 🇸🇮 🚲 99 km
Vor dem Frühstück ging es erstmal in den Schwimmteich. Die Kommunikation mit den benachbarten Österreichern klappte eher nicht so. Ich hab das Gefühl, Slowenisch verstehe ich mit meinen Tschechisch-Kentnissen besser, als Österreichisch mit meinen Deutsch-Kentnissen.
Einer der wenigen heutigen Anstiege kam gleich zum Anfang und nach 33 Kilometern hatte ich Slowenien, das 27. Land in meinem Sabbatical erreicht. Übrigens das 16. welches ich in der Zeit mit eigenem Fahrrad bereise.
Anfangs ging es dort auf Höhenwegen oberhalb des Flusses entlang, später auf Radwegen neben Bundesstraßen und dann bin ich für 14 Kilometer freiwillig auf einer Bundesstraße gefahren, statt der eigentlichen Drau-Route zu folgen, um näher am Fluss zu sein und etliche Höhenmeter zu sparen. Es war weniger stressig, als befürchtet. Immerhing gab es viel Gefälle und so ging die Zeit schnell vorbei. Meinen Spiegel am Lenker finde ich bei so was doch immer wieder sehr praktisch, um rechtzeitig zu sehen, wenn von hinten LKW kommen.
Die letzten 10 Kilometer nach Maribor führten entspannt auf einem neuen geraden glatten Radweg neben der Bahnstrecke entlang.
In einem Einkaufscenter habe ich erfolgreich einen Asterix-Comic in einheimischer Sprache ergattert und der anvisierte Campingplatz ist wieder preiswert (15,-€) und gut ausgestattet mit Tischen, Bänken Kühlschrank, Wasserkocher usw.
18.6.2026 Maribor 🇸🇮 - Sveta Marija Badeplatz 🇭🇷 🚲 114 km
Ich habe heute nicht ganz den Drauradweg genommen, sondern einige Flussbiegungen mit anderen Radrouten abgekürzt. Alle hatten aber gemeinsam, dass sie viel auf Schotter oder schlechten Radwegen entlang großer Straßen gingen. Daher habe ich heute oft spontan vor Ort umgeplant. Insgesamt waren es dann 3 Kilometer mehr als vorgesehen.
Die Berge sind jetzt im Rückspiegel kaum noch zu sehen und den ganzen Tag gab es keinerlei Steigungen.
Die 50 Kilometer bis zur kroatischen Grenze bin ich quasi durch gefahren. Apropos durchfahren: endlich mal wieder eine Grenze, an der nicht kontrolliert wird, im Gegensatz zu Deutschland, Tschechien und Österreich. Dafür hatte ich das Gefühl, dass der Fahrstil der Auto fahrenden gegenüber Rad fahrenden hinter der Grenze gleich viel rücksichtsloser wurde. Und der hier unvermeidliche Patriotismus/Nationalismus ist auch gleich an jeder Straßenecke sichtbar.
Positiv fällt auf, dass fast jeder Ort einen kleinen Konzum hat, so dass ich nie viel Flüssigkeit oder Nahrung mit mir rumschleppen muss. In Österreich kam es schon mal vor, dass der nächste Supermarkt 40 Kilometer entfernt war und man daher sorgfältig planen musste.
Die letzten 10 Kilometer führten mich heute dann wie zur Entschädigung auf glattem Asphalt auf dem Damm eines Stausees und unterhalb dieses erwartete mich die versprochene Badestelle mit Schlafmöglichkeit direkt am Ufer.
Da mir nicht ganz klar war, wie legal das ist, wartete ich, bis 21:00 die letzten Gäste gingen und schlief in der Hängematte.
19.6.2026 Sveta Marija 🇭🇷 - Balatonberény 🇭🇺 🚲 100 km
Der Zusammenfluss von Drau, Mur, und Donau wird großspurig "Amazona Europas" genannt und ich hatte vorgestern überlegt, diesen Weg bis zur serbischen Grenze weiter zu fahren. Nach den vielen Schotterpassagen gestern habe ich diese Idee aber endgültig gestrichen und es geht wieder nach Norden. Am liebsten wäre mir ein Ruhetag an einem See in Ungarn. Aber weit und breit ist dort keiner, außer der Balaton. Ob es dort jedoch ruhig ist? Noch dazu am Wochenende?
Nach 20 Kilomtern erreichte ich Ungarn. Leider hieß das, mal wieder anderes Geld besorgen zu müssen. Und hier wird eine der wenigen Sprachen in Europa gesprochen, zu der ich so gar keinen Zugang habe. Außer "Bitte", "Danke" und "Prost" kann ich kein Wort. Immerhin sprechen fast alle am Balaton und in der Nähe der österreichischen Grenze entweder englisch oder deutsch.
Dafür gab es auf der Strecke (fast) keine Steigungen, keinen Gegenwind, kaum Schotter. Allerdings Temperaturen über 30 °C. Im Schatten. Jedoch war nirgends Schatten, so dass mein Thermometer am Tacho bis zu 42,8 °C zeigte. Das war echt anstrengender, als durch die Alpen zu fahren und ich war heilfroh, als ich nach 95 Kilometern meinen Zeltplatz erreichte. Da man von dort allerdings nicht mehr an's Wasser kommt, weil der Wasserpegel extrem gesunken ist, musste ich noch mal 2-3 Kilometer in die Stadt zum Baden und Essen fahren und machte so die 100 Kilometer noch komplett.
Baden im Balaton lohnt sich aber echt nicht. Ich bin mehrere 100 Meter rein gelaufen und das Wasser war immer noch nur Knietief. Schwimmen kann man also vergessen. Und wenn der Wasserpegel weiter so sinkt, ist der See vermutlich bald ganz weg. Oder zumindest ganz weit weg vom Ufer.
Ruhig ist es immerhin auf dem Zeltplatz. Noch scheint keine Saison zu sein und ich bin fast alleine.
20.6.2026 Balatonberény Ruhetag
Kaum zu Glauben, aber ich mache auch mal einen Ruhetag. Der Pool auf dem Campingplatz ist tatsächlich attraktiver für mich, als der Balaton selbst.
Und ich überlege, wie ich mit den Temperaturen in den nächsten Tagen umgehe. Auf jeden Fall noch kürzere Strecken planen, früher losfahren, möglichst nur vormittags fahren und nachmittags mit Zügen die restliche Strecke zurück legen, die Radrouten möglichst an Zugstrecken entlang planen.
21.6.2026 Balatonberény - 🚲 77,5 km - Celldömölk - 🚂 - Sopron - 🚲 37 km - 🚂 - Rajka
Also hatte ich mir heute einen Wecker auf 5:00 gestellt und wollte 7:00 starten. Es ist dann sogar eine halbe Stunde früher geworden und es waren noch angenehme 20 °C.
Ziel war erst einmal der Bahnhof in Celdömölk, von wo stündlich eine Bahn nach Sopron fuhr. 11:40 schaffte ich den Zug zwei Stunden früher, als geplant.
In Sopron war dann zum ersten Mal auf der Tour ordentlich Sightseeing angesagt. Aber keine barocken Schlösser, sondern Erinnerungen an das "Paneuropäische Picknick", bei dem der "Eiserne Vorhang" zwischen Ost und West am 19.8.1989 zum ersten Mal geöffnet wurde, was eine ungezähmte Fluchtbewegung von DDR-Bürgern auslöste und wiederum zum Fall der Berliner Mauer führte.
Nochmal 17 Kilometer sollten es bis zum geplanten Campingplatz sein, doch "Oh Schreck", er ist wohl dauerhaft geschlossen 😱.
Ich hatte ja schon geschaut, wie ich morgen früh mit Zügen in Richtung slowakische Grenze komme und zufällig gab es 30 Minuten später eine Verbindung 6 Kilometer entfernt. Also wieder rauf auf's Rad und losgesprintet und alle Anschlüsse geschafft. Im Zug habe ich einen Campingplatz direkt zeischen zwei Donaunebenarmen, 2 Kilometer vor der Grenze entdeckt, den ich dann kurz nach 20:00 erreichte. Es könnte wirklich schlimmer sein. Mega cool hier. Den längsten Tag des Jahres habe ich also voll ausgenutzt. Das mit dem weniger weit Rad fahren hat eher nicht so geklappt. 118,5 km war sogar die längste Tagesgesamtstrecke auf dieser Tour.
22.6.2026 Rajka 🇭🇺 - 🚲 42 km - Bratislava 🇸🇰 🚂 - Malé Leváre
Morgens bin ich direkt erstmal in der Donau schwimmen gewesen. Dann zum Konsum gefahren, frühstücken. Da gestern Sonntag war, waren meine Vorräte aufgebraucht.
Nächster Tageordnungspunkt war der Tisch, der direkt auf dem Dreiländereck Österreich/Slowakei/Ungarn steht. Aber es war niemand aus einem der Länder dort, um mit mir zu quatschen oder zu picknicken. Apropo quatschen: in der Slowakei verstehe ich die Leute wieder, aber mein slowakisch scheint zwar verständlich zu sein, sich aber deutlich von dem zu unterscheiden, was Tschechen sprechen. Also werde ich fast immer für einen Polen gehalten, sobald ich rede.
Bratislava habe ich kurz abgehakt und nur angehalten, um 1 Foto zu machen und auch einen Asterix Comic auf slowakisch zu kaufen. Ich war schon zu oft hier, um mich noch in's Touri-Gewimmel werfen zu müssen.
Mit der Vorortbahn ging es dann nach Velké Leváre und von dort zu einem Campingplatz direkt am See, wo ich den Rest des noch langen Nachmittags abkühlen konnte. Wenig Fahrrad fahren hat heute mal funktioniert.
Wie schon gestern in Rajka war die Rezeption des Campingplatzes bei meiner Ankunft verwaist. Heute gab es immerhin eine Telefonnummer, unter der mir mitgeteilt wurde, das Tor sei offen, ich solle mich einfach hinstellen, wo ich will. So kenne ich das auch von vielen Plätzen in Tschechien. Find ich gut.
23.6.2026 Malé Laváre 🇸🇰 - 🚲 40 km - Břeclav 🇨🇿 🚂 - Veselí nad Lužnicí
Morgens war ich natürlich erst mal im See baden und bin dann wieder vor 7:00 Uhr los, um die kühlen Temperaturen auszunutzen.
Mit einem kleinen Abstecher über Österreich ging es zurück nach Tschechien.
Die große Runde ist hiermit beendet und ich habe ab Břeclav für 200 Kilometer den Schnellzug genommen. Bei den anhaltend heißen Temperaturen muss ich wirklich nicht unbedingt noch viele Kilometer zurücklegen. Über 1000 Kilometer auf dem Rad sind es jetzt schon geworden.
Vom "Mighty Sounds" Festival, welches ja mein Ziel ist, ist Veselí nad Lužnicí noch 35 Kilometer entfernt. Dort habe ich heute mein Zelt direkt am Fluss Lužnice gleich für 2 Tage aufgestellt. Dann kann ich morgen noch eine Tour ohne Gepäck machen und spare mir einmal Zelt ab- und aufbauen. Übrigens kosten mich 2 Nächte zelten hier zusammen gerade mal 15,- €.
24.6.2026 Veselí nad Lužnicí - Třeboň - Veselí n.L. 🚲 Rundtour 58 km
Morgens, bevor es wieder zu heiß wird, bin ich eine kleine Runde durch die Fluss- und Seenlandschaft des "Třebonský pánev" (Niederung) gefahren. Ist ganz schön, mal ohne Gepäck. Den Unterschied merke ich doch deutlich.
Den Rest des Tages wird in der Hängematte gechillt.
25.6.2026 Veselí nad Lužnicí - Tábor "Mighty Sounds" Festival 🚲 35 km
Auf geht's zum Festival!
Heute ist schon "Warm-Up-Party".
Also insgesamt 4 Tage Festival. Wer soll das durchhalten?
25.6.-28.6.2026 "Mighty Sounds" Festival, Tábor 🇨🇿
Ich liebe einfach alles an diesem Festival. Endlich mal ein richtig internationales Festival. Geschätzt 2/3 der Gäste sprechen tschechisch, knapp 1/3 deutsch (vor allem österreichisch, bayrisch, sächsisch) und der Rest slowakisch und polnisch. Die Bands kommen zu nahezu gleichen Teilen aus Tschechien, Deutschland und dem Rest der Welt. Ich hoffe mal, dass dadurch hervorragende tschechische Bands, wie "Fialky", "Totální Nasazení" oder "Punk Floid" von ausländischen Besucher*innen entdeckt werden.
Polnische Bands waren auch da ("Ska Petarda"), slowakische und österreichische aber nicht? Headliner, wie "Pennywise", "Exploited", "Agnostic Front" heizen ordentlich ein und deutsche Bands, wie "Oxo 86", "Sondaschule", "ZSK", "Team Scheiße" ziehen wohl viele deutschsprachige Leute an, versuchen krampfhaft auf englisch zu kommunizieren, machen aber ansonsten gut Party. Echte Knaller, wie "Non Servium" aus Spanien, "Lions Law" aus Frankreich und "Talco" aus Italien runden das Line-Up ab.
Die Preise für Verpflegung sind konkurrenzlos preiswert im Vergleich zu Deutschland. Die An- und Abreise mit Bahn ist unkompliziert. Die Schnellzüge der Tschechischen Bahn legen von Donnerstag bis Montag sogar einen Extra-Halt direkt am Festival ein. Lidl, Kaufland usw. sind fußläufig erreichbar. Kostenlose Duschen und Keramik-Toiletten-Container sorgen für etwas Hygiene. Nur das mit dem fehlenden Schatten und dem fehlenden Waldbad sind natürlich Nachteile gegenüber dem "Back to Future" Festival in 2 Wochen.
| Karte von mapy.com |
Von Lam im Bayrischen Wald bis nach Tábor in Tschechien habe ich jetzt ca. 1200 Kilometer per Fahrrad und noch mal ca. 600 Kilometer per Zug zurück gelegt. Die Fahrradmitnahme in Regios und teilweise auch Fernzügen war innnerhalb Ungarns, der Slowakei und Tschechiens immer spontan problemlos möglich und sehr preiswert. Nur über Grenzen hinweg wäre unmöglich oder kompliziert oder teuer gewesen. Insgesamt haben mich die Züge ab und bis Berlin 115,- € gekostet. In Deutschland habe ich das Deutschlandticket und die Fahrradtageskarte-Nahverkehr für 7,50 € genutzt.
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